Einsatzbericht Solomon Island 2016

Dr. med. Martin Walliser, KSGL

Der geplante Einsatz im National Referral Hospital in Honiara auf den Solomon Islands hat zwei Hauptziele:

Als erstes planen wir die Einführung und Instruktion der neu programmierten Injury Epidemiology Datenbank und die Ausweitung dieser Software von den Solomon Islands (wo das Programm schon seit 1994 im Einsatz steht) auf die Teilnehmerstaaten des Ausbildungsprogramms der PIOA - der Pacific Islands Orthopaedic Association. Es kommen so die Staaten Fidschi, Kiribati, Papua Neuguinea, Samoa und Amerikanisch Samoa sowie Vanuatu dazu. Es handelt sich hier um das weltweit erste derartige Projekt einer einheitlichen, multinationalen Datenerhebung im Traumabereich.

Als zweites Ziel stand die Lehrtätigkeit während des PIOA Moduls und für weitere 10 Tage im Anschluss daran auf dem Programm.

Wir sind zu zweit unterwegs: Dr. med. Philipp Stillhard, OA Unfallchirurgie Kantonsspital Chur KSGR und Dr. med. Martin Walliser, LA Unfallchirurgie Kantonsspital Glarus KSGL.

Am ersten Tag nach unserer Ankunft steigen wir am Morgenrapport um 08:00 Swiss Time in der Fracture Clinic in den laufenden PIOA Kurs ein. Die Pacific Islands Orthopaedic Association führt eine modulare Ausbildung durch, die für vorwiegend traumatologisch tätige Ärzte im pazifischen Raum gedacht ist. Aktuell findet das Spine Module statt - themenspezifische Vorlesungen und Workshops bilden den Kernteil. Zusätzlich werden die aktuellen Fälle des letzten Dienstes besprochen und es stehen jeden Morgen Abteilungsvisiten auf dem Programm, die jeweils von einem Kandidaten geführt werden. 4 bis 5 Patienten werden vorgestellt und detailliert besprochen. Im Anschluss daran gibt es im Vorlesungsraum eine Visitenbesprechung, in der auf spezifische Probleme weiter eingegangen und die wichtigsten Lerninhalte repetiert werden. Dieser Kursteil dauert zwischen 2 und 3 Stunden täglich. Da der Modulleiter Dr. Des Soares aus Brisbane den Kurs schon vorzeitig verlassen muss, übernehmen wir Schweizer diese Funktion im zweiten Teil des Moduls, wo Informatik und Infektiologie den Schwerpunkt darstellen. Während des Moduls wirkt Philipp zusätzlich im Klinikbetrieb mit (Visiten, Fracture Clinic, Operationssaal), während ich mich noch um diverse Computerprobleme im NRH kümmern muss. An den letzten 4 Modultagen bestreiten wir die Morgenvisiten, anschliessend folgen die infektiologischen Vorlesungen (australisches Team) und am Nachmittag finden jeweils die IT Lektionen.

 

Der gesamte PIOA Spine / IT / Infectiology - Kurs (stehend hinten die 10 Teilnehmer aus aktuell 6 Pazifikstaaten);
Dr. med Philipp Stillhard, KSGR vorne links; Dr. Patrick Houasia, Chef Traumatologie NRH vorne mitte,
Dr. med Martin Walliser, KSGL vorne rechts

An den 4 Nachmittagen werden die Installation der Software, Datensicherheit und Backup, standardisierte Dateneingabe, Datenauswertungen (Querries, SQL Basiskurs) sowie spezielle Möglichkeiten des Programms (OP Katalog, OP Berichte, Audits, Komplikationen, Ambulante KG usw) demonstriert und geübt. Ein digitaler Abschlusstest zeigt, dass die Lernziele erreicht wurden. Über den IT Teil des Moduls existiert ein separater englischer Bericht für die Kursunterlagen.

Die nach den letztjährigen Unwettern verstärkte Beachfront des Spitals, die Sandsäcke halten das Meer sicher bis zu den nächsten Stürmen zurück.

 

 

Eine Fraktur des dorsalen Pfannenrandes rechts bei einer dreissigjährigen, versorgt mit 1/3 Rohr Federplatten.

Nach Abschluss des Moduls und Abreise der Kursteilnehmer beginnt wieder der normale Klinikalltag. Da alle 4 Registrars am Modul teilgenommen haben, wurde der grösste Teil des Klinikbetriebes durch den Chefarzt Patrick Houasia zusammen mit einem Intern und einem Studenten und Unterstützung vor allem durch Philipp abgedeckt. Leider ist der normale OP Betrieb aufgrund von Renovationsarbeiten und Reparaturen noch immer nicht gewährleistet und wir können erst in der letzten Woche wieder eine mehr oder weniger normalen OP -Tätigkeit aufnehmen. Schlussendlich werden aber doch noch einige interessante Fälle operiert. Im Normalfall werden diese Eingriffe von den Registrars durchgeführt und wir Schweizer assistieren.

In der Fracture Klinik werden zweimal pro Woche bis zu 60 Patienten gesehen: konservative Behandlungen
und Nachkontrollen, Fix Ex Klinik, Gipsklinik  sowie die Beurteilung neu zugewiesener Patienten
finden meist hier statt. Zusätzlich gibt es einmal pro Woche eine Klumpfussklinik.

Über das Klinikmanagement machen wir uns hier einige Gedanken - wieso zum Beispiel an einem Tag 2 Operationssäle und der Kleineingriffsraum gleichzeitig gebraucht werden können und zusätzlich noch eine Fracture Klinik mit 60 Patienten stattfindet, während dem an zwei anderen Tagen weder eine Sprechstunde stattfindet noch ein OP zur Verfügung steht. Aber offensichtlich muss das so sein und es besteht auch kein Bedarf, da etwas zu ändern. Die Indikationen für operative Versorgungen - insbesondere der ideale Zeitpunkt für einen Eingriff - ist ebenfalls ein interessanter Diskussionspunkt.


Geschlossene Versorgung einer einfachen Unterschenkelfraktur mittels SIGN-Nagel:
Auch mit einem genialen Implantat nicht ganz einfach ohne intraoperative Bildgebung.

Schlussendlich beenden wir unseren Einsatz nach einer sehr interessanten und intensiven Zeit im OP. Ein kurzer Abstecher für ein verlängertes Wochenende in die Marovo Lagoon rundet die ganze Sache ab. Schlussendlich ist Honiara - auch wenn man in einem relativ luxuriösen Hotel wohnt - nicht wirklich das Paradies. Es ist laut, heiss und staubig in der Stadt und nur ein Abstecher in die ursprüngliche Welt der Happy Islands mit Meer, Strand, Korallen, Fischen, Palmen, Dschungel und schönen Inseln geben einen Eindruck, wie die Solomons wirklich sind.

Ausblick: Ein zukünftiges Mitwirken des SST bei den PIOA Modulen wäre wünschenswert und sinnvoll. Dr. Des Soares als der aktuelle Programmleiter ist sehr interessiert an einer weiterführenden Zusammenarbeit. Die Erweiterung des Einsatzes im Anschluss an ein Modul mit klinischer Arbeit im normalen Spitalbetrieb ist grundsätzlich die beste Art, Wissen und Erfahrungen weiterzugeben und sollte als Konzept weiterverfolgt werden. Die Versorgung von komplexen Verletzungen unter erschwerten Umständen (kein BV, keine winkelstabile Implantate usw) ist aber äusserst anspruchsvoll und darf nicht unterschätzt werden. Ein entsprechender Caseload sowie eine solide Erfahrung mit alten Operationsverfahren wie Winkelplatten und ähnlichen Implantaten sind Voraussetzung für die Teilnahme an einem derartigen Einsatz.

Die von Dr. med. Hermann Oberli angeregte klinische Tätigkeit an verschiedenen Standorten, möglicherweise auch unabhängig von PIOA Modulen, wäre für die Programmteilnehmer sehr interessant und auch hilfreich und es besteht ein grosses Interesse an derartigen Klinikbegleitungen.

Finanzielles: Als Aufenthaltsort während des Einsatzes haben wir uns für ein Hotel entschieden (King Solomon), es existieren ein paar Pensionen oder Gasthäuser, die aber schlussendlich nicht viel günstiger sind. Die PIOA bezahlt grundsätzlich eine Tagesentschädigung von 500 Solomon $ pro Arbeitstag im Modul, was aktuell ungefähr 70 SFR enspricht und gut 50-70% der Tagesausgeben deckt (einfaches Hotel, einfache Mahlzeiten). Wir haben beide auf diesen Beitrag verzichtet und entschieden, unsere Unterhaltskosten selber zu decken. Das Bezahlen mit Kreditkarten funktioniert in allen Hotels und grösseren Restaurants, an den zahlreich vorhandenen Bankomaten kann mittels Maestro und Kreditkarten problemlos Bargeld bezogen werden.