Swiss Surgical Teams, Mongolei 2007

Dr. med. Beat Kehrer, Team-Leader Swiss Surgical Teams

 

1. Spital Nr.1
Chirurgie
In der Allgemeinchirurgie hat Jörg Wydler das Schwergewicht auf die Ausbildung der jüngeren, lernbegierigen und interessierten Chirurgen gelegt und die einfacheren Operationen, wie Hernien, Gallenblase etc. perfektioniert. Das ganz wichtige und immer noch sehr mangelhafte Wissen und Können bei der Vor- und Nachbehandlung, bei der sauberen Diagnose- und Indikationsstellung und der gezielten, adaequaten Komplikationen-Vermeidung und Beherrschung hat er am Krankenbett, in den Sprechstunden, bei den Visiten und bei den Konsultationen geschult. Er kam zum Schluss, dass die älteren, immer noch sehr einflussreichen Chirurgen zum grossen Teil nicht lernwillig sind und dann nach der Abreise des Teams doch wieder alles, wie vorher machen. Nur die Schulung der Jungen hat Zukunft. Er wurde dabei von der Chefärztin Frau Prof. Serghelen tatkräftig unterstützt.

Ihre Abwesenheit hat er dann zusammen mit der Anaesthesistin Marina Borboen und dem Gefässchirurgen Peter Nussbaumer benutzt, um auf Wunsch der dortigen Aerzte im benachbarten Bezirks-Spital Khan Uul auszubilden und zu assistieren, was nach seinen Worten sehr erfolgreich war. Er sagt: "Die Aerzte in diesem Spital sind extrem offen und neugierig, wie wir Patienten behandeln und operieren. Es scheint hier ein enormes Vakuum zu bestehen und die Effizienz dieser zwei Tage war hervorragend." Auf Wunsch von Frau Prof. Sergehelen hat Peter Nussbaumer die von einem amerikanischen Chirurgen, der länger an der Klinik arbeitete, eingeführte und von einem ehemaligen Stipendiaten weiter betriebene Gefässchirurgie gefördert und ausgebildet. Jean-Pierre Barras arbeitete auf der Colo-Proctologischen Abteilung. Er musste mit Bedauern feststellen, dass der gewählte Chefarzt Lhagvabayar während seines Schweizeraufenthaltes als Stipendiat von einem zwar sympathischen, aber deutlich weniger qualifizierten Kollegen Erdene Batuulzi, der früher einmal Chefarzt war, wieder verdrängt wurde, wohl durch einen politiischen Entscheid von oben. Infolge der entsprechend schwachen Führung sind viele unter Lhagvabayar eingeführte organisatorische und kommunikatorische Neuerungen wieder sistiert worden und jeder Chirurge behandelt seine Patienten, ohne die Meinung der Kollegen einzuholen. Solidarität bestehe nur bei der Korruption und bei gemeinsamen Festanlässen, meint Barras. Neben den Operationen nahmen die täglichen Visiten, Rapporte und Konsultationen einen grossen Raum ein. Michel Gillet wurde vor allem für Pfortader-Hochdruck und dessen Ableitung beigezogen.

Anaesthesie
Die beiden Anaesthesisten Michael Stamm und Marina Borboen hatten im täglichen Operationsbetrieb eine grosse Arbeitslast in der Ernstfall-Ausbildung des Anaesthesie-Personals. Viel Wert wurde wieder auf die Schulung der Regionalanaesthesien (Spinal, Peridural, Nervenstamm) gelegt, wobei die Spinalanaesthesie schon gut beherrscht und häufig eingesetzt wird, während die Peridural-Anaesthesie und die Nervenblockaden seltener und unsicher eingesetzt werden. Die Schmerzbehandlung mit einem Periduralkatheter bereitet noch Unbehagen bei den mongolischen Kollegen. Michael Stamm hat für Dr. Purevsuren (Chefarzt) und Dr. Ganbat (med. Leiter) gute Unterlagen erarbeitet und besprochen. Die eine gibt Anweisungen zur Departementsleitung, Ausbildung, Organisation, Sicherheit, Regional-Anaesthesien und Medikation. Die andere ist eine CD mit Standarts und Richtlinien. Sie wurden von den mongolischen Kollegen sehr gut und gern angenommen. Stamm möchte 2008 ein Hauptgewicht auf die Schmerztherapie legen. Die Arbeit auf der Intensiv-Station nahm einen geringeren Stellenwert ein, weil die Unterrichtsfunktion von der Genfer-Equipe regelmässig wahrgenommen wird.

Operationspersonal
Christine Baumgartner vermerkt gegenüber 2006 bauliche Verbesserungen (Garderobe mit Dusche, elektrische Anschlüsse, neue grosse helle Räume für urologische Endoskopie, Sterilisation mit Büro, Händewasch-Zone) und Organisations-Fortschritte (Op.Managerin, Leiterin Sterilisation). Zu wünschen übrig lassen immer noch die Hygiene und die Asepsis bei Operationen, das Verhalten von Personal und Aerzten, Fachwissen, Organisationsabläufe, unzweckmässiges Material und Sterilisationsmethoden). Die Bereitschaft zu Änderungen ist teilweise vorhanden, aber die Begehrlichkeit nach besserem Material und Studienaufenthalt in der Schweiz ist grösser.

2. Cancer Center
Chirurgie
Michel Gillet (vornehmlich Gallenwege, Pankreas und Leber) und Christian Chanson (vornehmlich Magen-Darm und Lungen) haben viele Operationen assistiert oder ausgeführt. Neben den zum Teil sehr langen Operationen nahmen die Voruntersuchungen und Konsultationen und die täglichen Visiten bei den operierten und zu operierenden Patienten einen grossen Raum ein. Trotz der langen Tage konnten am Nachmittag oder Abend noch Weiterbildungen abgehalten werden. Trotz der Krise durch die Entlassung des missliebigen Direktors vermerkt Gillet Verbesserungen bei Pflege, Patienten-Nachsorge, Organisation der Hospitalisation und bei der Ausbildung der Anaesthesisten. Eine Angiographie-Einrichtung wurde durch Australische Sponsoren eingerichtet. Ein zweites CT ist geplant. Mit Hilfe des SST sollen zwei neue Op.Sääle bestückt werden, da bis jetzt nur zwei für die ganze Klinik zur verfügung stehen, was zu grossen Engpässen führt. Gillet möchte dies überwachen. Eine Intensivstation wäre dringend erwünscht bei der Schwere der grossen Leber- und Pankreas-Eingriffe. Das ist für das SST allein ein zu grosser Brocken. Wir müssen da noch anderweitig Hilfe suchen. Ein grosses Problem ortet Gillet auch bei den fehlenden Medikamenten für die Notfallbehandlung, was häufig zu vermeidbaren Todesfällen führt. Dem Wunsch, der vor allem in der Klinik Nr.1 geäussert wurde, Leber-Transplantationen durchzuführen, steht Gillet sehr skeptisch gegenüber, da vorläufig weder Labor und Röntgen noch Endoskopie die nötigen Voraussetzungen zeigen. Gillet konnte für Dr. Chinburen, den Leiter der Leber-, Pankreas- und Gallenwegschirurgie, wohl unser bester ehemaliger Stipendiat, einen 3-monatigen Studienaufenthalt in Lyon vermitteln, dessen Kosten grossteils durch Lyon und zu einem kleineren Teil durch das SST übernommen wurden. Er hat diese Ausbildung im Herbst 2007 abgeschlossen.

Anästhesie
Warner van Maren, der zum ersten Mal zum Team gehörte, ist sehr beeindruckt von den Leistungen der mongolischen Chirurgen, weniger von denen der Anaesthesisten , wobei zum Teil die Schuld dafür bei den fehlenden Medikamenten liegt, aber er ortete auch grosse Probleme bei der Ausbildung, die er beherzt anpackte und durch Schulung am Patienten und theoretisch anging. Einen Abend-Rapport zur Evaluation der durchgeführten Anaesthesien hat er eingeführt. Er sieht auch Probleme bei den internistischen Konsiliarien, die nicht dem chirurgisch schon hohen Standart entsprechen und deshalb auch ausgebildet werden sollten. Seine Zukunftsvision ist ein "Interdisziplinäres Swiss Team".

3. Maternal and Child Health Research Center
Kinderchirurgie
Da dieses Jahr Beat Hanimann, der langjährige Betreuer der Klinik aus dem SST nicht kommen konnte, ist Hermann Winiker eingesprungen und wurde sofort ins kalte Wasser geworfen, da die Entlassung des Chefarztes Tumenesan, des brillianten Kopfes der Klinik ein eigentliches Vakuum hinterliess. Es wurde weniger operiert, keine schwierigen Operationen. Er ist tapfer in die Bresche gestanden, hat so viel wie möglich angepackt, unterrichtet und auch die Organisation wieder etwas ins Gleis gebracht.

Geburtshilfe
Gero Drack, arbeitete vor seinem Einsatz in Khovd nur eine Woche im MCHRC. Dort lag das Schwergewicht auf der im letzten Jahr stark vorangetriebenen Ultraschalll-Ausbildung, jetzt am neuen 3D-Gerät. Er konnte auch Verbesserungen im Sinne des von den Mongolen beachteten Merkblattes, das er vor einem Jahr mit ihnen erarbeitet hat, feststellen. Im Operations- und Gebärsaal hat er in dieser Woche nur selten gearbeitet. Mit Visiten und Konsultationen waren die wenigen Tage ausgefüllt. Die Mongolen wünschen ein Weiterführen des Einsatzes des SST, wenn möglich erweitert durch eine Hebamme und einen Dolmetscher. Einer Bewerbung eines Gynäkologen oder -in für ein Stipendium in er Schweiz steht nichts im Wege.

Anästhesie
Der alte Fuchs Ernst Waidelich, der schon seit vielen Jahren in der Klinik arbeitet, hat den Neuling Winiker tapfer unterstützt. Er bezeichnet die klinische Tätigkeit und Zusammenarbeit mit den mongolischen Kollegen als problemlos, die Kombination von Narkose und Lokalanaesthesie-Verfahren wird standartmässig angewandt und auch auf die postoperative Schmerzbehandlung wird Wert gelegt. Die bestehenden Probleme haben sich aber nicht gebessert: ungenügende Material- und Medikamenten-Versorgung. Die mitgebrachten Medikamente reichen eben nur für kurze Zeit. Auch die Pressluftversorgung ist immer noch nicht gewährleistet, baulich ist nichts geschehen. Am meisten fehlt die chirurgische Intensivstation. Er beschreibt auch wieder einmal einen Fall von Verschwinden von gespendetem Material. Dies mahnt wieder zur absolut dringend vermehrten Vorsicht beim Verteilen des Materials in diesem korrupten Land.

4. Trauma Center

Hier wurden durch Hermann Oberli mit den Fachärzten Domenic Scharplatz und Martin Wallliser und mit technischer Hilfe von Peter Schwab die beiden AO-Kurse durchgeführt. Zu klinischer Arbeit blieb kaum Zeit, obwohl dies sehr erwünscht wäre. Diese verbreiterte Zusammenarbeit wird sicher ein Thema der Zukunft sein. Hermann Oberli zeigt den dringenden Bedarf nach einer Synthes-Filiale in der Mongolei auf, damit die Instrumente und Osteosynthesematerialien beschafft werden können. Auch schlägt er vor, den medizinischen Direktor und den Chef der Orthopaedie zu einem AO-Kurs in die Schweiz einzuladen.

5. Regional Diagnostic and Treatment Center Khovd
Chirurgie
André Rotzer, der bereits erfahrene Peripher-Chirurg ist diesmal ganz in den Westen in die Gegend des Altaigebirges gereist, hat dort eine grosse Zahl von Operationen gemacht oder assistiert. Auffällig war die grosse Zahl von Kropfoperationen, was ihn veranlasste beim Gesundheitsminister des Aimags eine Jodprophylaxe der Bevölkerung zu verlangen, die scheinbar noch nicht so weit in den Westen gedrungen ist. Neben Visiten, Konsultationen und Weiterbildungen am Krankenbett hatte das WHO-Programm hohe Priorität. Es beinhaltet folgendes:
1. Durch Mongolische Kolleginnen und Kollegen: Kurs in Essential Surgical Procedures at the District Hospital ca. 10 Tage. Teilnehmer: Aerzte und Pflegende aus Sum-Spitälern aller Aimag im Westen der Mongolei (Unterricht nach Richtlinien der WHO)
2. Durch SST-Mitglieder: Kurs für Chirurgen und Anästhesisten aus allen umliegenden Aimag-Spitälern im Westen der Mongolei: Klinischer Unterricht am Krankenbett, Fall-Besprechungen, Demonstration und Assistenz von Operationen, prae- und postoperative Visiten, Assistenz von Anästhesien durch SST-Anästhesisten. Abends: Vorlesungen über Themen aus Anästhesie und Chirurgie.

Daneben hat Rotzer kurz in zwei umliegenden Sum-Spitälern (Erdeneburen, Bulgan) in Notfallsituationen gearbeitet. Er beurteilte in Khovd den Stand der Spitaleinrichtung etwa wie bei uns vor 40 Jahren, hingegen in den Sum-Spitälern als vorsintflutlich (Glühbirne als Op-Lampe, kein fliessendes Wasser, Heizung mit Kohle, kaum Instrumente etc.). Das Hauptproblem sind aber wie in der ganzen Mongolei die riesigen Distanzen, die so häufig keine zeitgerechte Versorgung der Patienten zulassen.

Geburtshilfe
Weil die Vertreterin der UN-Organisation UNFPA Frau Delia Barcelona eruieren wollte, warum die Müttersterblichkeit in der Westregion des Landes viel höher ist, als anderswo (2006 bei 135/100`000 Lebendgeburten, Durchschnitt Mongolei 90/100`000, Schweiz 6/100`000), wurde vom Team nach Absprache auch mit der WHO Gero Drack in den Wochen 2 und 3 des Einsatzes nach Khovd beordert. Seine Schlussfolgerungen gegenüber der UNFPA basierten auf den Erfahrungen, die er in den zwei Wochen machte. Er nahm genau wie der Chirurg am Klinikbetrieb mit Operationen, Visiten, Unterricht (vor allem Ultraschall) teil und ebenso am 2. Teil des WHO-Programms. Den Hauptgrund für die hohe Müttersterblichkeit sah er in geographischen (riesige Distanzen) und ökonomischen (Material, Instrumente Medikamente fehlen überall) Defiziten und in den häufigen Vorerkrankungen der Mütter (Endocarditis, Pyelonephritis, Tbc, Hepatitis B und C). Natürlich wies er auch auf die Mängel bezüglich Hygiene und Asepsis im Spitalalltag hin. Er machte Vorschläge für die Verbesserung der Situation

Anästhesie
Der erfahrene Anaesthesist Jürg Bärtschi war bei all den vielen Operationen an der Seite der örtlichen Anästhesisten, besprach mit ihnen die Fehler, unterrichtete sie dauernd, nahm am WHO-Kurs teil und half an allen Ecken und Enden.

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