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Tätigkeiten am Kinderspital vom 8. Mai bis 1. Juni 2008

Beat Hanimann, Dr. med.,

Die Mongolei ist ein riesiges Land und etwa vierzigmal grösser als die Schweiz, zählt aber nur ein Drittel so viele Einwohner, von denen noch dazu die Hälfte in der einzigen Stadt des Landes, der Hauptstadt Ulaanbaatar, lebt. Die Reise dorthin führt über Zürich, Berlin und Moskau und dauert etwa einen Tag, der Transport für das medizinische Material hingegen dauert meistens mehrere Wochen bis Monate, sodass unser Material einen Tag vor der Rückreise eintraf!

Bereits zum dritten Mal durfte ich dort als Kinderchirurg arbeiten. Demzufolge fand am Flughafen eine grosse Wiedersehenszeremonie statt. Das Gefühl ich komme irgendwie heim war wohltuend. Nachdem die üblichen Tätigkeiten bei der Ankunft hinter uns lagen, ging es schon ans Planen des Aufenthaltes. Zusammen mit Ernst Waidelich, der schon zum siebten Mal mitreiste, organisierten wir für den folgenden Tag eine Riesensprechstunde, um all die Kinder zu sehen, welche in den kommenden drei Wochen behandelt werden sollten. Es waren an die 30 Kinder mit den verschiedensten Krankheiten in unterschiedlichsten Stadien, sodass bei vielen noch Abklärungen veranlasst werden mussten, um eine chirurgische Therapie planen zu können. So eine Besprechung geht nur mit "Dolmetschern", den beiden Stipendiatinnen Burmaa und Odgoo, welche über den Jahreswechsel 2007/2008 bei uns am OKS auf der Anästhesieabteilung waren. Ohne Hilfe von Übersetzerinnen ist eine richtige Verständigung kaum möglich, da die mongolischen Ärzte die englische Sprache nur in groben Zügen kennen.

Die nun folgenden drei Wochen waren geprägt von vielen und zum Teil auch sehr langen Operationen, welche ich zum Teil den mongolischen Ärzten assistierte. Die Art der Operationen war sehr unterschiedlich. Unter den 49 in der Zeit durchgeführten Eingriffen gab es sehr einfache, die nur wenige Minuten dauerten, bis zu siebenstündigen Eingriffen. Auch das Patientengut zeigte sich dementsprechend verschieden vom Neugeborenen mit der Speiseröhren- oder Darmfehlbildung bis zum grossen Kind mit einer Nierenproblematik.

Das Material im Operationssaal ist ein grosses Problem. Es fehlen die feinen Instrumente und, wenn sie vorhanden sind, weisen sie durch falsche oder unvorsichtige Benützung meist Schäden auf. Verbandsmaterial ist weitgehend nicht vorhanden, sodass nach der Operation mit Heftpflaster sehr gespart wird und eine aufgebrauchte Kompresse oft nicht bis zur Bettenstation am Patienten hält. Hygienische Grundregeln können nur mit sehr grossem Aufwand aufrecht erhalten werden, weil das Händedesinfektionsmittel unregelmässig vorhanden ist. Gelegentlich gibt es auch kein Wasser im Operationssaal. Die Ausbildung des Instrumentierpersonals ist rudimentär und vieles wird angelernt. Es besteht ein richtiger Wissensdurst nach korrekten Abläufen und Organisationsfragen, weil das Personal merkt, dass vieles verbesserungswürdig ist.

Unter solchen Umständen wird eine am Ostschweizer Kinderspital mittelschwere Operation zur schweren Operation und verlangt vom Chirurgen eine hohe Flexibilität und Anpassungsfähigkeit. Mit der Zeit lernte ich wieder zu improvisieren, wenn es sich um technische Details beim Verbinden von Kathetern oder um eine Thoraxdrainage, die hergerichtet werden musste, handelte. Es erstaunte mich immer wieder, wie das Personal mit ausgesprochen wenig Material viel erreichen konnte.

Die Führungsstruktur der Kinderchirurgie ist für uns recht ungewohnt. Dort funktioniert es ausgezeichnet. Es ist nämlich so, dass die Chefin der Anästhesieabteilung gleichzeitig die Direktorin der kinderchirurgischen Klinik ist. Darunter gibt es die einzelnen Fachspezialitäten wie allgemeine Kinderchirurgie, Kinderurologie, Kinderkieferchirurgie, Kinder-HNO-Abteilung. Diese werden von Oberärzten geführt. Dieses Team hat sich auch am Wochenende getroffen und wir haben viele gemeinsame Stunden beim Grillieren oder zusammen in der Wüste verbracht. Selbstverständlich waren nach Möglichkeit auch die Kinder der Mitarbeiter mit von der Partie. Diese gemeinsamen von Ungezwungenheit geprägten Unternehmungen haben mir tiefe Einblicke in das mongolische Denken erlaubt und weiter zum Verständnis der Kultur beigetragen.

Insgesamt gesehen war für mich die Mission 2008 erfolgreich. Es wurde mehrfach zum Ausdruck gebracht, dass unsere regelmässige Anwesenheit und Unterstützung über Jahre hinweg mehr geschätzt wird als die häufigen einmaligen Kurzbesuche von internationalen Gruppen.

 

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