Swiss Surgical Teams, Mongolei 24.5. - 21.6. 2014

Beat Kehrer, Dr. med.
Teamleader SST Mongolei

Der im Bericht des Vorjahres geschilderte Boom hält in der Mongolei ungehindert an, dies trotz nicht mehr zu übersehenden Problemen. Es droht zum Beispiel ein grösseres finanzielles Engagement des Staates an einer Kupfermine in der Wüste Gobi zu einem Desaster zu werden. Die angepeilte Kupferschicht liegt tiefer im Boden als ursprünglich angenommen und eine Ausbeutung wird um ein Vielfaches schwieriger und teurer als prognostiziert.

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Die Kupfermine Oyu Tolgoi in der Wüste Gobi

In der Hauptstadt Ulaanbaatar geht der Bauboom trotzdem ungehindert weiter und man fragt sich wer es sich wohl leisten kann in all den neuen Hochhäusern zu wohnen. Im Gegensatz dazu scheint die Zeit draussen in der unendlichen Weite der Steppen, Seen, Wüsten, Wälder und Berge stillzustehen.

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In der Zeit vom 24.5. bis 21.6.20124 war unser Team mit 16 Mitgliedern in der Mongolei. Leider wird es immer schwieriger die Einsätze der verschiedenen Teilnehmer zu koordinieren. Der zunehmende Druck auf die Schweizer Spitäler wirkt sich auch auf unsere Tätigkeit aus. Es gelingt kaum mehr unser Team so zu planen dass möglichst alle Mitglieder gleichzeitig in der Mongolei anwesend sein können. Auch kurzfristige Absagen sind aus diesem Grund häufigergeworden. Dies beeinträchtigt einerseits den wichtigen Zusammenhalt innerhalb und zwischen den Teams und führt zu einer Verteuerung der Einsätze.

2014 konnten wir leider keine mongolischen Stipendiaten an Schweizer Spitäler einladen. Es war uns nicht möglich für sie geeignete Arbeitsplätze zu finden. Wir hoffen 2015 wieder erfolgreicher zu sein.

Das von der DEZA finanzierteTelemedizin-Netzwerk, funktioniert zur Zufriedenheit der Mongolischen Benutzer.  Das nachfolgende Bild zeigt z.B. eine junge Pathologin die aus einem am Rande der Wüste Gobi liegenden Spital das Bild eines mikroskopischen Gewebeschnittes zur Beurteilung an die Spezialisten in der Hauptstadt übermittelt.

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Die Mongolei ist ein riesiges Land mit der weltweit geringsten Bevölkerungsdichte. Für Ärzte ausserhalb der Hauptstadt bestehen kaum Möglichkeiten zu einer Weiterbildung. Zusammen mit Ulrich Wörmann von der Uni Bern haben wir deshalb an der National Medical University of Mongolia (NMUM) einen Workshop für e-learning und e-teaching durchgeführt der bei der NMUM und den Teilnehmerinnen und auf grösstes Interesse gestossen ist.

Das positive Echo hat uns bewogen eine kleine Gruppe von Verantwortlichen nach Bern einzuladen und zudem 2015 den Workshop in Ulaanbaatar fortzuführen.

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Workshop für e-learning und e-teaching

Ziel dieser Initiative ist es gemeinsam mit der NMUM allen Ärzten bis hinaus zu den entferntesten Krankenstationen in der Steppe eine Weiterbildung anbieten zu können.

Unter der bewährten Leitung von André Rotzer ist das grösste Team nach Arvajcheer zurückgekehrt, dorthin wo 2006 unsere Unterstützung der Landspitäler begonnen hat. Eines der Ziele war festzustellen was vom seinerzeitigen Ersteinsatz unseres Teams an Wissen und Können nach 8 Jahren noch vorhanden ist. Das Resultat war erfreulich: Nicht nur beteuerten unsere lokalen Partner, dass der damalige Einsatz die Arbeit in Spital entscheidend geprägt und verbessert hat. Unser Team konnte auch erleben, dass die Spuren des ersten Aufenthaltes noch auf Schritt und Tritt sichtbar sind. Was wollen wir mehr!

 

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Gemeinsame Erlebnisse in der Freizeit sind wichtig für eine gute Zusammenarbeit

Auf Bitte des Gefängnisdirektors hat das Team Rotzer in Karakorum einige Strafgefangene operiert. Das dortige lokale Intersoum-Spital ist der "Geburtsort" des Swiss Surgical Team: Prof. Pierre Tschanz hat 1998 in diesem Spital erstmals Patienten operiert!

Der Schwerpunkt unserer Tätigkeit lag auch dieses Jahr in der Hauptstadt Ulanbaataar:

Im National Cancer Center (NCC) waren "traditionsgemäss" Michel Gillet (Chirurgie) und Jean-Patrice Gardaz (Anästhesie) tätig. Dank ihrem inzwischen mehr als 10 Jahre dauernden intensiven Engagement hat die Chirurgie der Leber, der Gallenwege und des Pankreas an diesem Spital ein hohes Niveau erreicht.  Dies auch dank entscheidenden Fortschritten in der Anästhesie und der postoperativen Nachbetreuung. Die jungen mongolischen Chirurgen sind inzwischen gefragte Teilnehmern an internationalen Kongressen. Es ist wichtig sie auch in ihrer wissenschaftlichen und universitären Tätigkeit weiterhin zu fördern.

Auch Edward Wight unser Spezialist für Gynäkologie und Gynäkologische Onkologiewar am NCC eingesetzt. Schwerpunkte seiner Lehrtätigkeit waren Diagnostik und operative Therapie von Zervix-, Ovarial- und Brust-Tumoren.

Zwingend notwendig wäre der Aufbau eines sog. "Tumorboards" zur interdisziplinäre Behandlung von Karzinomen des Genitaltraktes. Dieser Vorschlag stösst aber leider bei einigen Spezialisten des NCC immer noch auf hartnäckigen Widerstand.

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NCC: Fallbesprechung mit Edward White

Am Spital Nr. 1 hat Jürg Bärtschi erstmals2013 einen Workshop zum Thema "Verbesserung der organisatorischen Abläufe im Operationssaal " initiiert. Dieser Kurs ist auch bei der zuständigen Spitaldirektion auf grosses Interesse gestossen.

Auf unsere Einladung hin konnten in der Folge zwei leitende Mitarbeiter aus dem Spital Nr. 1 in mehreren Schweizer Spitälern die Organisation des Operationsbetriebes studieren. Im Frühjahr und im Juni 2014 wurden von Jürg Bärtschi in der Mongolei weitere ergänzende Kurse zu diesem Thema durchgeführt.

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2014: Kurs zur Organisation des Operationsbetriebes

Das grosse "Mutter und Kind-Spital" (NCMCH) ist seit 2002 ein Schwerpunkt des SST. In Zusammenarbeit mit der UNFPA- dem UN-Population Fund - hat Gero Drack seine mehrjährige Weiterbildung in der Geburtshilfe fortgesetzt. Leider konnte in diesem Jahr die Hebamme unseres Teams aus beruflichen Gründen nicht teilnehmen. Sie hatte bisher die  wichtige Weiterbildung der lokalen Hebammen übernommen.

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  Gruppenbild nach Abschluss des Kurses

Die Situation in der Kinderchirurgie ist nach einem erneuten Wechsel des Chefarztes, nicht optimal und die administrative und fachliche Führungsstruktur schwer durchschaubar.

 

Besser ist die Situation auf  der kinderurologischen Abteilung wo die Arbeitsmenge und die fachspezifischen Probleme beträchtlich sind. Deshalb hat sich das Team unter der Leitung von Hermann Winiker  auf diese Subspezialität - die Behandlung von Kindern mit Erkrankungen und Fehlbildungen der ableitenden Harnwege -konzentriert. Die dafür verantwortlichen lokalen Ärzte sind nachhaltig ausgebildet, lassen sich fördern und geben Hoffnung auf eine stabile Zukunft.

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Mongolisch-Schweizerisches Teamwork in der Kinderurologie 

Auf Wunsch des Gesundheitsministerium und des lokalen WHO-Büros in Ulaanbaatar haben Prof. Ganbold (NMUM) und Beat Kehrer eine Woche in der Wüste Gobi verbracht. Ihre Aufgabe war es Vorschläge auszuarbeiten zur Verbesserung der prekären medizinische Versorgung in diesem spärlich besiedelten Gebiet. Die wenigen kleinen Soum-Spitäler in denen junge unerfahrene Ärzte arbeiten liegen z.T. eine Tagesreise von einander entfernt und auch das Spital im Hauptort Dalanzadgad ist nur sehr schwer erreichbar.

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Das "Verwaltungszentrum" des  Noeyn-Soum im Südwesten der Umnugobi

Unsere Vorschläge sollen 2015 in einem Pilotprojekt von den Partnern (MoH, WHO, SST) in der Wüste Gobi implementiert und deren Umsetzung begleitet werden.

Wir alle haben das Glück in unserem Land mit der Gewissheit leben zu können, dass uns bei schweren Erkrankungen oder Verletzung jederzeit das neueste medizinische Wissen, hohes chirurgisches Können und modernste therapeutische Mittel zur Verfügung stehen. Wir gehören zu den Privilegierten dieser Welt! Aber ist mit diesen Privilegien nicht die Verpflichtung verbunden, sich für diejenigen einzusetzen, die daran nicht teilhaben können. Das heisst, uns aktiv für Menschen zu engagieren, die in Ländern leben, in denen es an einfachsten medizinischen Hilfsmittel fehlt, wo kaum genügende Mengen von Medikamenten vorhanden sind, für Operationen nur rudimentäre Infrastrukturen zur Verfügung stehen und eine geregelte Ausbildung des medizinischen Personals nicht gewährleistet ist. Sicher, ein solches Engagement ist immer mit grossem persönlichem Aufwand, Mühe und Arbeit verbunden und bringt oft auch Schwierigkeiten, Enttäuschungen und Frustration mit sich. Ich meine aber, dass sich unser Einsatz in mehrfacher Hinsicht lohnt: Für die Betroffenen, weil sie dringend notwendige medizinische Mittel erhalten und weil sie lernen können und damit die Möglichkeit haben selber menschliches Leiden zu mildern. Für uns als Helfende, weil wir über Erreichtes glücklich sein können, bereichernde menschliche Begegnungen erleben und dank vertiefter Einblicke in andere Kulturkreise prägende persönliche Erfahrungen gewinnen.

Beat Kehrer, im September 2014

Teamleader SST Mongolei

 

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