Swiss Surgical Teams, Mongolei 2006

Dr. med. Wolf Zimmerli

Bei unserer Ankunft auf dem Flughafen von Ulaanbaatar weht ein eisiger Wind. Wir werden von unseren strahlenden mongolischen Freunden und Kollegen erwartet. Die Chefs und leitenden Ärzte der Universitätskliniken lassen es sich nicht nehmen, uns in das einfache Hotel Edelweiss im Zentrum von Ulaanbaatar zu bringen. Die Stadt ist noch hektischer geworden, hat sich doch die Zahl der Einwohner in den letzten zwanzig Jahren mehr als verdoppelt und ist auf über eine Million gestiegen.

     Begrüssung des SST durch die Health Sciences University of Mongolia

Ich niste mich im Zimmer meines Freundes Dr. Christian Chanson ein. Nach Zimmerbezug sind die SST-Mitglieder zum ersten Rapport gebeten. Die Ärzte besprechen unter der Leitung von Beat Kehrer die Arbeit der nächsten Stunden und Tage. Anschliessend sind wir in der medizinischen Universität zu der bei den Mongolen so beliebten und mit Pomp zelebrierten Begrüssungszeremonie eingeladen. Nach Reden des Gesundheitsministers, des Präsidenten der medizinischen Universität und des Vertreters der WHO spricht Beat Kehrer über neue Pläne und Einsätze. Die Chefin der ersten chirurgischen Universitätsklinik, Frau Prof. Sergelen, eine ehemalige Stipendiatin in der Schweiz, würdigt die bisherige Arbeit des SST. Sie ist die wichtigste Bezugsperson des Teamchefs in der Mongolei. Beat Kehrer nutzt die Gelegenheit, mit vielen einflussreichen und hilfreichen Leuten zu sprechen, so auch mit dem Schweizer Konsul Markus Dubach, der das Team immer tatkräftig unterstützt.

Während einer Woche begleite ich das Swiss Surgical Team bei der Arbeit, treffe dabei viele alte Freunde und ehemalige Stipendiaten und stelle Fortschritte, aber auch weiterbestehende Mängel fest.
Unsere Schweizer Chef- und leitenden Ärzte werden von den mongolischen Kollegen problemlos und freundschaftlich akzeptiert. Dies ist nicht zuletzt die Frucht der langjährigen, engen und kompetenten Zusammenarbeit.
Im Trauma Center, einem grossen verwinkelten Bau mit 300 Betten und 150 Notfällen pro Tag (Verkehrs-, Reitunfälle, Schlägereifolgen etc.), wird unter der Leitung von Dr. Hermann Oberli erstmals ein AO-Workshop durchgeführt. Ihm zur Seite stehen zwei erfahrene Ärzte aus Basel und Chur und ein Techniker der Medizinalfirma Synthes. Die Einsatzfreudigkeit, die Lernbegierde, die Selbstkritik und das manuelle Geschick der 24 Teilnehmer ist beeindruckend und der Erfolg des Kurses entsprechend gross.
Im Hospital Nr.1 (600 Bette) nehmen ein Allgemeinchirurg (Dr. Jörg Wydler), ein Urologe (Dr. Marcel Gunst), ein Proktologe (Dr. Bruno Roche), zwei Anästhesisten (Dr. Jürg Bärtschi und Dr. Michael Stamm) sowie eine Operationsfachfrau (Frau Christine Baumgartner) ihre Arbeit auf. Mit Freuden stelle ich fest, dass sich baulich und organisatorisch vieles gebessert hat. Im Waschraum, in dem es früher nur einen Hahn mit kaltem Wasser gab, stehen nun sechs Lavabos mit warmem und kaltem Wasser zur Verfügung. Sterilität und Hygiene stellen im Operationsbereich jedoch immer noch Probleme dar, die unsere Operationsschwester in enger Zusammenarbeit mit ihren mongolischen Kolleginnen lösen will. Die Operationslampen, Operationstische, Narkoseapparate, Elektrochirurgiegeräte und die elektrischen Anschlüsse entsprechen in etwa dem heutigen Standard. Gute Anamnese, eingehende präoperative Untersuchung und klare Indikationsstellung sowie korrekte postoperative Nachbehandlung schienen ursprünglich den «chirurgischen Handwerkern» unwesentlich zu sein. Inzwischen sind sie zur Einsicht gekommen, dass auch die prä- und postoperative Phase für ein gutes Behandlungsresultat wichtig ist. Zu dieser Erkenntnis beigetragen hat sicher die neue Intensivstation, die von den Mongolen bauseitig erstellt und 2002 vom SST mit finanzieller Unterstützung der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) ausgerüstet wurde. Das Personal dieser Station wird zweimal jährlich während je eines Monats durch einen Arzt und eine Pflegende der chirurgischen Intensivpflegestation des Universitätsspitals Genf unterstützt und weitergebildet.
Im Cancer Center (ca. 300 Betten) begleite ich Prof. Michel Gillet aus Lausanne, Christian Chanson und die Gynäkologin Anne-Patricia Brunelli. Später stösst auch der Anästhesist Beat Meister aus Bern dazu. Auf der chirurgischen Abteilung werden jährlich 250 Magen-Ca und viele Lungen-Ca. operiert und wegen sehr häufigem primären Carcinom 300 - 400 Leberresektionen durchgeführt. Der Chef und ein leitender Arzt sind ehemalige Stipendiaten der Schweiz, und haben sowohl in personeller, wie apparativer Hinsicht frischen Wind ins Haus gebracht: Junge dynamische Ärzte, gute Operations- und Diagnostik-Einrichtungen, IPS-ähnliche Aufwachstation (grösstenteils durch das SST finanziert und installiert). Trotzdem gibt es auch dort noch viel zu tun und zu verbessern.
Sehr eindrücklich ist der Tag auf der Kinderchirurgie des Mother and Child Health Research Center. Ich begleite Dr. Beat Hanimann und den Kinder-Anästhesisten Ernst Waidelich. Der Chef dieser Klinik, sowie eine seiner Oberärztinnen, waren Stipendiaten bei Beat Kehrer, dem ehemaligen Chefarzt am Ostschweizer Kinderspital St. Gallen. In dem düsteren, grossen Haus, das sich mit seinen vielen Abteilungen in einem miserablen baulichen Zustand befindet, bleibt sehr viel zu tun. Was aber die ärztliche Arbeit anbelangt, so entspricht sowohl die Diagnostik, wie die operative Technik und Fachkompetenz nahezu unseren Standarts.
Erst nachträglich erfahre ich vom guten Erfolg des erstmaligen, 3-wöchigen Einsatzes von zwei Mitgliedern des SST, einem Chirurgen (André Rotzer, Glarus) und einer Anästhesistin (Marina Borboen, Lausanne) im 550 km entfernten Arvajkheer. Zusammen mit Mongolischen Kollegen aus der Universität in Ulaanbaatar haben sie für die lokalen Chirurgen, Anästhesisten und «family doctors» ein Weiterbildungsprogramm der WHO für die peripheren Ärzte durchgeführt. Ein ähnlicher Einsatz ist für nächstes Jahr in einem anderen Aimak geplant. Es ist dies ein Versuch, das schon länger erkannte grosse Gefälle, welches in der medizinischen Versorgung zwischen der Hauptstadt und den peripheren Regionen besteht, zu verringern.

 

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