Swiss Surgical Teams - Spital St. Vincent

Aliade, Nigeria - 3.-15. Januar 2012

Nach den erfolgreichen Einsätzen 2011 wurden auch dieses Jahr wieder zwei Teams zusammengestellt, welche in Zusammenarbeit mit "Operation Hernia" einen zweiwöchigen Einsatz in Distriktspitälern in Nigeria leisteten. Die Teams bestanden zum einen aus erfahrenen Mitgliedern des Swiss Surgical Teams, andererseits waren auch diesmal wieder einige neue Teilnehmer mit dabei. Die beiden Teams verteilten sich auf die Spitäler St. Vincent und St. Mary, welche beide vom den Sisters of Nativity geführt werden. Schwerpunkt des Einsatzes war die Behandlung von Patienten mit Leistenbrüchen und die Weiterbildung des einheimischen Personals.

Nach einer langen Flugreise, auf der wir Gelegenheit hatten das restliche Team kennen zu lernen, kamen wir endlich in Abuja an. Am Zoll wurden unsere Materialkisten gründlich kontrolliert, wobei deren Inhalt bei der nigerianischen Grenzkontrolle für mehr oder weniger Verwirrung sorgte, hatten doch die Wenigsten eine Ahnung von chirurgischem Nahtmaterial geschweige denn zuvor jemals ein Diathermie-Gerät gesehen.
Dennoch durften wir nach einiger Zeit alles in unsere Kleinbusse verladen. Die nächsten sechs Stunden verbrachten wir mit unserem Gepäck eingepfercht wie die Sardinen und genossen die ersten Eindrücke des Landes. So fuhren wir über staubige Strassen, durch eine trockene Landschaft, vorbei an Strassenverkäufern, Verkaufsständen, Kuhherden und Lehmhütten bis wir im Spital St. Vincent in Aliade ankamen.
Durch das bunt bemalte Eingangstor gelangen wir auf das Spitalgelände. Das Spital besteht aus den Abteilungen für Kinder, Mutter&Kind, Medizin, einer Tuberkuloseklinik und natürlich einer Abteilung für Chirurgie (insgesamt etwa 160 Betten). Zusätzlich wird ein Behandlungsprogramm für HIV-Patienten angeboten. Die Kirche steht im Zentrum des Areals. Unmittelbar daneben befindet sich der Fussballplatz, welcher von den Kindern rege benutzt wird. Die meisten Angestellten wohnen mit ihren Familien auf dem Areal.
Viele Spitalangestellte und Patienten hatten sich versammelt um unser Team, bestehend aus drei Chirurgen (Peter Nussbaumer, Melanie Kauper, Mirjam Busch), einer Jungchirurgin (Corinne Beerle), einer Narkoseärztin (Anca Stauffacher) und einer Operationsfachfrau (Elvira Hospenthal), mit zeremoniellen Stammestänzen und Gesang herzlich willkommen zu heissen.
Trotz unserer Müdigkeit nach der langen Reise wurden nun erst mal Kisten ausgepackt, die Operationssäle geputzt und Material eingeräumt oder ausgeräumt (einige defekte Lampen und leere Plastikkanister mussten dran glauben).
Am nächsten Morgen weckte uns erst der Muezzin und kurz darauf krähte der Hahn den ersten Arbeitstag ein.
Aufgereiht auf einer Bank vor dem Operationssaal warteten bereits die Patienten in ihre farbigen Tücher eingewickelt auf die Untersuchung. Vom lokalen Personal wurde jeweils eine Liste mit bis zu 27 Patienten pro Tag erstellt. Der Reihe nach wurden sie nun von uns untersucht um die Diagnose zu bestätigen. Ein Mitarbeiter übersetzte dabei zwischen Englisch und der Stammessprache Tiv. Sobald wir die ersten drei Patienten untersucht und die zu operierende Seite mit einem Kreuz markiert hatten, begannen wir mit den Eingriffen. Im grossen Saal standen zwei Operationstische unmittelbar nebeneinander. Die Patienten legten sich tapfer auf die Liege, die Arme ausgebreitet auf einer Holzlatte fixiert und warteten auf die Spritze mit der Lokalanästhesie. Nur selten beklagte sich jemand über Schmerzen, meist wurde, trotz Angst vor dem Fremden, still und geduldig ertragen. Einige hoben gar interessiert den Kopf und wollten bei der Operation zuschauen.
Operiert wurde zu Zweit. Eine Zudienung gab es nicht, wir bedienten uns selber am Instrumententisch. In dem Sammelsurium von mitgebrachten Instrumenten fehlte nicht selten genau das, was man in diesem Moment gebraucht hätte. Die Lochtücher hatten so grosse Löcher, dass man den ganzen Bauch dadurch hätte operieren können. Mit zur Standardausrüstung gehörten auch die Stirnlampen, welche bei Stromausfall, den es oft mehrmals am Tag gab, Gold wert waren.
Trotz gefragtem Improvisationstalent lief es bald wie am Fliessband: Untersuchen, Einspritzen der Lokalanästhesie, Operation, Zunähen, putzen und fliegender Wechsel zum nächsten Patienten. Der effiziente Ablauf von Untersuchen und Operieren hielt sich über die nächsten Tage und wurde nur gelegentlich durch einen Notfall, wie beispielsweise einem Kaiserschnitt, aus dem Rhythmus gebracht.
Elvira trug viel zu dieser Effizienz bei. Sie war es, die darauf achtete, dass immer volle Spritzen mit Lokalanästhesie bereit lagen, half beim Sterilisieren der Instrumente und wachte auch immer darüber, dass der Hygienestandard möglichst hoch gehalten wurde. Die Anwesenheit von Anca, unserer erfahrenen Anästhesistin, war nicht nur in Notfallsituationen äusserst wertvoll. Auch Patienten mit beidseitigen Leistenbrüchen profitierten von der Annehmlichkeit einer Rückenmarksnarkose.

Bereits wenige Minuten nach der Operation wurden die Patienten von ihren Angehörigen zu Fuss oder mit dem Mofa abgeholt. Die Patienten warteten manchmal den ganzen Tag ohne zu essen geduldig auf ihre Operation. Nicht selten beendeten wir unsere Arbeit erst lange nach Einbruch der Dunkelheit. Es gelang uns aber immer, alle geplanten Eingriffe durchzuführen, sehr zur Freude der wartenden Patienten und ihrer Angehörigen.

In 9 Tagen führten wir 95 Operationen bei 164 Patienten durch. Über 2/3 der Eingriffe wurden als Ausbildungsoperationen oder sogar von den Einheimischen selbstständig durchgeführt. Hierbei konnten wir auch auf die tatkräftige Mithilfe der einheimischen Operationspfleger zählen, welche durch frühere Teams in der Operationstechnik sehr gut ausgebildet wurden.

Am letzten Tag wurde das Operationsprogramm früher beendet und wir hatten Zeit für einen kleinen Rundgang im Dorf Aliade. Die meisten Leute leben in Rundhütten aus Lehm gedeckt mit einem Grasdach ohne Strom oder fliessendes Wasser. Ziegen, Hühner und Hunde laufen frei herum. Auf kleinen Feuern werden die Mahlzeiten für die ganze Familie gekocht. Und überall lachende Kinder. Die Grosszügigkeit und Offenheit der Menschen trotz ihrer offensichtlichen Armut ist unglaublich beeindruckend.

Die Arbeit im St. Vincent Spital war sicher intensiv und manchmal ermüdend, doch die Dankbarkeit der Operierten und ihrer Angehörigen machen alle Müdigkeit wett und die Zeit, die wir in Aliade verbringen durften, unvergesslich. Ein grosser Dank gebührt allen, die uns in unserer Arbeit unterstützt und ermutigt haben.

Corinne Beerle

 

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