Einsatzbericht, Nigeria Oktober 2012

Swiss Surgical Teams Okpoga/Nigeria 27.10. - 09.11.2012

"Es ist nicht genug zu wissen - man muss auch anwenden. Es ist nicht genug zu wollen - man muss auch tun" (Johann Wolfgang Goethe)

Als Jungchirurg habe ich die Möglichkeit bekommen mit dem Swiss Surgical Team um Dr. med. Peter Nussbaumer einen Humanitären Einsatz in Nigeria zu absolvieren.

Am Mittag des 27.10.2012 traf sich das SST wie vereinbart zu seinem 14 tägigen Abenteuer im St. Marys Hospital, Okpoga, am Flughafen Zürich. Glücklicherweise ermöglichte uns British Airways beim Einchecken unser gesamtes Gepäck, d.h. Materialkisten und Koffer, welche ebenfalls mit Material voll bepackt waren, ohne Aufpreis mitzunehmen. Nach problemlosem Flug nach London und einer 3 stündigen Wartezeit, nahmen wir Kurs auf die Hauptstadt Nigerias, Abuja. In London gesellte sich ein internationales Team von "Operation Hernia" zu uns, welches einen Einsatz im St. Vincent Hospital, Aliade vor sich hatte.

Bereits auf dem Hinflug warnte uns Peter Nussbaumer (Leiter SST) vor den uns möglicherweise bevorstehenden Eskapaden am Nigerianischen Zoll. Nach dem 6 stündigen Flug mit BA packten wir alle Koffer und Kisten zusammen und machten uns auf den Weg zum Zoll.

Nach einem kurzen Gespräch mit dem Zollbeamten und dem Vorzeigen diverser Papiere waren wir, zum Erstaunen aller, nach 5 Minuten bereits durch den Zoll.

Bemerkbar machte sich dies auch vor dem Flughafengebäude, denn unser Empfangskomitee rechnete nicht mit so einem baldigen Erscheinen, sodass wir erstmal warten durften und die Zeit nutzten, um die ersten Eindrücke wirken zu lassen. Es war bereits 06:00 Uhr morgens MEZ.

Nach einer herzlichen Begrüssung durch Austin Ella  (lokaler Koordinator) und seinem Team machten wir uns auf, die 2 Kleinbusse zu bepacken. Nachdem alles verstaut war und wir auch noch Platz in den Bussen fanden, machten wir uns erst auf zu einem nahegelegenen Konvent, um einen italienischen Kollegen und Leiter des internationalen Teams "Operation Hernia" abzuholen, und fuhren danach weiter zu einem katholischen Spital, wo wir für ein kurzes, stärkendes Frühstück einen Halt einlegten.

Bereits die Autofahrt durch die Strassen Nigerias gestaltete sich als kleines Erlebnis, denn die Qualität des Asphaltes nahm mit der Distanz zur Hauptstadt deutlich ab, sodass wir teils nur noch auf der "roten Erde" Nigerias fuhren. Die Schlaglöcher werden mir bestimmt in Erinnerung bleiben. Der Strassenverkehr Nigerias zeigte uns, dass zwei verschiedene Welten aufeinander prallten. Einerseits waren da die unzähligen Rollerfahrer, alle ohne Helm unterwegs, welche wild durch die mit Autos vollgestopften Strassen fuhren, und anderseits fühlte man sich an den Strassenrändern mit all seinen Strassenverkäufern, Lehmhütten, Märkten etc. ins Mittelalter zurückversetzt .... ein extremer Kontrast.

Nach ca. gut 8 stündiger Autofahrt in einem vollgestopften und nicht klimatisierten Kleinbuss erreichten wir das St. Vincent Hospital in Aliade, wo wir auf das Herzlichste durch die Mitarbeiter empfangen wurden.  Zu einer besonderen Tanzeinlage mit einheimischen Klängen durch die MitarbeiterInnen des Spitals  gab es eine kleine Erfrischung. Bereits hier scharrten sich viele kleine Kinder um uns, und freuten sich, wenn wir Fotos von Ihnen machten. An dieser Stelle verlies uns das internationale Team "Operation Hernia".

Da uns eine weitere 2 stündige Autofahrt nach Okpoga bevorstand und es bereits Mittag war, machten wir uns auf den weiteren Weg. Auf der Fahrt zeigte sich weiterhin eine wunderschöne Natur und Landschaft, die Idylle wurde lediglich durch die zwischendurch auftauchenden Müllberge zerstört. Auch war ich sehr darüber verwundert, dass gefühlt alle paar Kilometer eine Kirche stand, welche an diesem Sonntag gut besucht waren. Dass der Glaube hier eine grosse Rolle spielen würde, wurde uns immer mehr bewusst.

Eine insgesamt gut 24 stündige Anreise brauchte es, bis wir unser ersehntes Ziel, das St. Marys Hospital in Okpoga erreichten. Erschöpft liessen wir uns in die vor dem Hauptgebäude aufgestellten Stühle nieder und erfreuten uns der Empfangszeremonie mit Tänzen und einheimischer Musik.

Nachdem die ersten Förmlichkeiten ausgetauscht waren und wir uns vorgestellt hatten, wollten wir nun endlich unseren Arbeitsplatz begutachten. Sister Christiana, Oberin und gute Seele des Konvents, führte uns zum "theatre", dem Operationssaal.

Nachdem wir die ersten Eindrücke verarbeitet hatten, entschlossen wir uns Schweizer Gründlichkeit walten zu lassen, und räumten die Örtlichkeiten auf. Zudem packten wir unsere Kisten und Materialen aus, und bereiteten alles für den ersten Tag vor. Nach knapp 3 Stunden und mittlerweile eingebrochener Dunkelheit, waren wir überglücklich alles geschafft zu haben. Der 1. Op Tag konnte kommen.

Jetzt mussten wir nur noch unsere Zimmer beziehen. Die Ordensschwestern hatten uns Ihre Räumlichkeiten netterweise zur Verfügung gestellt. Jeder von uns hatte sein eigenes Zimmer, was mit einem Bett, Schrank, Tisch und Stuhl ausgestattet war. An der Decke hing auch ein funktionierender Ventilator.

Nachdem Alle Ihre Zimmer mit den mitgebrachten Moskitonetzen ausgestattet und eine kurze erfrischende Dusche genommen hatten, setzten wir uns an einen Tisch zum Abendessen. Übermüdet und voller Freude fielen wir nach dem Abendessen ins Bett.

Nach einer kurzen Nacht mit sintflutartigem Gewitter, wurden wir am nächsten Morgen durch lautes Krähen der dort frei lebenden Hühner geweckt. Ein Ritual, welches sich in den kommenden Tagen leider wiederholen würde. Die morgendliche frische Luft und die wundervolle Natur weckten Kräfte in uns, sodass wir uns nach einem leckeren Frühstück voller Tatendrang auf den Weg zum OP machten.

Was uns dort erwartete, hatten wir schon vermutet, doch überstieg es unsere Vorstellung bei Weitem. Bereits im Morgengrauen waren die ersten Patienten und ihre Angehörigen angereist. Eine grosse Warteschlange breitete sich vor dem OP (theatre) aus. Ein grosses Zelt auf der davorliegenden Wiese war ebenfalls bis auf den letzten Stuhl gefüllt.

Die Patienten wurden von uns beurteilt. Bestätigte sich die Diagnose einer Leistenhernie oder Hydrozele, wurden die Namen der Patienten auf einer Liste erfasst, sodass entweder noch am gleichen Tag oder in den darauffolgenden Tagen die Operation erfolgen konnte. Auch Kinder wollten wir operieren, das Jüngste war gerade einmal 5 Monate alt.

In den folgenden 9 Tagen operierten wir von morgens bis abends. Der Ablauf war immer der Gleiche. Die Patienten meldeten sich am Morgen, zogen ihr OP-Hemden an und warteten in einer Schlange vor dem OP bis sie aufgerufen wurden. Wir achteten darauf, dass ca. 1 Stunde vor OP die durch eine Pharmafirma gespendete Antibiotika Prophylaxe verabreicht wurde. Anschliessend spritzten wir in einem Vorraum die Lokalanästhesie (LA), sodass diese, während der zuvor operierte Patient in die Obhut seiner Angehörigen entlassen wurde und die Zwischenreinigung im OP erfolgte, bereits zu wirken beginnen konnte. Da wir einen Anästhesisten mit dabei hatten, konnten wir bei grösseren bzw. Rezidiv-Hernien auch eine Spinalanästhesie verabreichen. Bei nicht suffizient wirkender LA und Schmerzen konnten wir  dies durch eine iv-Analgosedierung ausgleichen. Die Operationen führten wir im 2er Team durch.

Anfänglich war das heimische OP-Personal nicht mit unseren standarisierten Abläufen vertraut. Auch die Hygiene schien den Einheimischen einigermassen fremd zu sein. In den 9 Tagen instruierten wir das OP Personal bezüglich der Vorbereitung einer OP, der Assistenz am Tisch(instrumentieren) und anschliessender Reinigung sowie Sterilisation der Instrumente. Zu Beginn merkten wir, dass die Mitarbeiter schnell an Ihre Grenzen gerieten. Es zeigte sich jedoch bei Ihnen eine grosse Wissbegierigkeit und Motivation, sodass nach 2 Tagen deutliche Fortschritte zu sehen waren. Erschöpft gönnten sich die einheimischen Kollegen zwischendurch immer wieder Pausen, sodass wir manchmal auf uns allein gestellt waren. Wir achteten aber darauf, dass auch wir unsere Pausen einhielten. Meistens setzten wir uns auf eine Treppe am Nebeneingang des OP und genossen die Sonnenstrahlen und blickten dabei direkt auf Wäscheleinen, wo Kittel, OP-Laken und Kleider zum trocknen aufgehängt wurden.

Was zu Beginn nicht selbstverständlich war, nämlich das Zusammenarbeiten und Denken als Team, funktionierte bei den einheimischen Mitarbeitern immer besser.

Eines der Ziele unseres Einsatzes war es, die chirurgischen Techniken an die einheimischen Chirurgen zu vermitteln. Regelmässig assistierte oder operierte einer der einheimischen Kollegen mit einem aus unserem Team. Letztendlich gelang es uns 2 Kollegen soweit zu schulen, dass sie selbstständig ohne Anleitung eine Leistenhernienoperation durchführen konnten. Auch unser Anästhesist schulte 3 interessierte Pfleger in der Durchführung einer Analgosedation und im Speziellen auch in der Durchführung einer Spinalanästhesie.

Unsere Motivation und Freude an dem Einsatz stieg mit jedem Tag an. Wir erlebten jedoch auch einige Kuriositäten in diesen Tagen. Seien es spezielle Erkrankungen und Befunde, oder auch dass ein Patient plötzlich während der Operation mit seinem Handy telefonierte.  Nach Einbruch der Dunkelheit konnte es auch vorkommen, dass Insekten direkt ins OP-Gebiet krabbelten oder flogen.  Anstrengend wurde es auch, wenn der Strom ausfiel, sodass wir unter anderem mit unseren Stirnleuchten, den Eingriff beenden mussten. An einigen Tagen funktionierten die Klimaanlagen nicht mehr, sodass Sauna-ähnliche Zustände im OP herrschten. Dabei merkten wir, dass auch wir langsam an unsere körperlichen Grenzen kamen.  Immerhin behandelten wir in den 9 Tagen 128 Patient bei insgesamt 140 Operationen. Am vorletzten OP-Tag sorgten Stromschwankungen dafür, dass im Verlauf des Tages zunehmend Geräte (Ventilator, Kautergerät, Klimaanlage) einen Kurzschluss erlitten und aus einer Steckdose eine Stichflamme kam. Lustiger Weise liessen sich die Patienten und einheimischen Mitarbeiter im Gegensatz zu uns nicht aus der Ruhe bringen.

Wir mussten in den neun Tagen immer wieder improvisieren und bemerkten dabei, in was für einer komfortablen Welt wir zu Hause leben. Selbst Kleinigkeiten wie fliessendes Wasser existierten im OP nicht. Die Hände wurden unter einem an einem Eimer befestigten Hahn gewaschen. Dieser Eimer wurde regelmässig mit Wasser aus dem nahe liegenden Brunnen aufgefüllt.

Wenn man sich die marginal ausgestatteten Krankenstationen "ward" ansah, dann fühlte man sich ins Mittelalter versetzt. Die Schwestern auf den Abteilungen kümmerten sich um die medizinischen Angelegenheiten. Die Patienten sind jedoch auch auf die Unterstützung ihrer Angehörigen angewiesen. Diese müssen ihr erkranktes Familienmitglied pflegen, waschen, Essen kochen etc. Dazu übernachteten sie entweder auf dem Boden neben dem Krankenbett, im Freien oder auf Bänken in den Fluren.

An unserem einzig arbeitsfreien Tag, Sonntag, konnten wir nach dem Besuch der Messe im Beisein von Sister Christiane die Umgebung erkunden. Wir freuten uns dementsprechend endlich einen Tag ausserhalb des Spitals zu verbringen. Wir spazierten durchs Dorf bis zu einem uns nahe gelegenen Fluss, welcher neben der Trinkwasserversorgung für die Menschen auch zu andern Zwecken wie Auto- und Kleiderwaschen dient. Die umliegenden Reis- und Obstfelder werden ebenfalls durch den Fluss bewässert. Wir besuchten einen hiesigen Markt und den "Chief" der Region. Am Abend wurde ein kleines Fest auf dem Krankenhausgelände gegeben. Viele Mitarbeiter erschienen mit ihren Familienangehörigen und es wurde zu einheimischen Klängen getanzt und gespeist.

Die Verpflegung während des Einsatzes war hervorragend, es gab täglich frisch zubereitetes Essen. Neben immer zugänglich gekühlten Getränken genossen wir mit den Ordensschwestern und Mitarbeitern gern mal unsere mitgebrachte Schweizer Schokolade. Sister Christiane und Regina verwöhnten uns rundum, sodass es uns zum Ende unseres Einsatzes richtig schwer fiel, diesen behüteten Ort zu verlassen. Wir hatten das Gefühl ein Teil einer grossen Familie geworden zu sein. Selten fühlte ich mich so ausgeglichen und glücklich in meinem Leben.

Am letzten Abend wurde ein kleines Fest mit den Mitarbeitern aus dem OP veranstaltet. Wir verbrachten den ganzen Abend unter wunderschönem Sternenhimmel und rekapitulierten bzw. lachten über unser Erlebtes.

Mit einem lachenden und weinenden Auge verliessen wir das St. Marys Hospital am nächsten Tag, jedoch nicht ohne Allen zu versprechen, bald wiederzukommen.

Wir, das Swiss Surgical Team bestehend aus Peter Nussbaumer, Melanie Kauper, Ruth Gremmiger, Nickolaus Heeren (alle Chirurgen), Oliver Bianchet (Anästhesist), Mirjam Steiner (Anästhesie-Pflege) und Sibylle Thoma (Operationspersonal) haben ein unglaubliches Abenteuer erlebt und neue Erfahrungen und Eindrücke während einer intensiven und anstrengenden Zeit gesammelt. Diese Arbeit hat uns alle bestärkt, die Organisation weiter zu unterstützen. Wir freuen uns auf eine baldige Rückkehr.

Ich möchte mich ganz herzlich bei diesem Team für das Erlebnis bedanken.

Nickolaus Heeren

 

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