Einsatzbericht Tajikistan 2019

In diesem Jahr führten die Swiss Surgical Teams erneut zwei Einsätze im Frühling und Herbst durch, an welchen 50 Teammitglieder während total 108 Wochen teilnahmen. Die Bedingungen wie die Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsministerium, der Aga-Khan- Foundation und dem DEZA-Büro haben sich nicht verändert. Mit dem Gesundheitsministerium fanden nach beiden Einsätzen Treffen statt, wo über den Stand der Arbeiten berichtet und aktuelle Probleme und ihre möglichen Lösungen diskutiert werden konnten. Es fanden auch schon erste Gespräche zur Weiterfuührung des 2021 auslaufenden Vertrages statt. Von Seiten der SST werden sicher die Bedingungen diskutiert werden müssen, welche wir bei einer Vertragsverlängerung vorlegen werden.

Die Einsätze waren insgesamt sehr erfolgreich und alle Teammitglieder haben sehr motiviert und mit viel Einsatzwillen teilgenommen. Einige Meilensteine konnten erreicht werden, welche einzeln erwähnt werden sollen:

  • Einführung von Alkohol zur Händedesinfektion im Karabolo-Spital: Die von uns mitgebrachten Flaschen waren im ganzen Spital vorhanden und waren mit selbst hergestellten Alkohol nach dem WHO-Rezept gefüllt. Es konnten zusätzlich Instruktionen in “clean hands, surgical hand disinfection, cloving and gowning” für Ärzte und OPPflegepersonen durchgeführt werden, an welchen über 120 Personen teilnahmen.
  • Nach einigen Jahren der Vorbereitung war im Oktober das erste Neurochirurgie- Team im Einsatz. Nach etwas harzigem Beginn blühte die Zusammenarbeit sehr rasch auf. Die Anwendung der Mayfield-Fixation und das Operieren mit dem Mikroskop wurden instruiert und beides wird seither routinemässig angewendet. Die Neurochirurgen stehen seither in fast täglichem Kontakt und es werden viele Fälle vorgestellt und diskutiert.
  • Dank einer Spende der „International Emergency Care Foundation“ in einem Wert von über 300'000 CHF konnten unter anderem zwei komplett unabhängige Anästhesiearbeitsplätze geschaffen werden, bei welchen kontinuierlich Sauerstoff zur Verfügung steht. Nach der Einführung der neuen Geräte wurden diese gut gepflegt und Sauerstoff wurde für alle Allgemeinanästhesien angewendet. Leider wurden aber die Prozesse bisher nicht angepasst, so dass immer noch die Mehrheit der Patienten vor allem bei Notfalleingriffen unter nicht akzeptablen Bedingungen in anderen OP-Sälen durchgeführt wird.
  • Nach mehreren Einsätzen in Dangara wurde der Workshop zum ersten Mal in Qabodiyon durchgeführt, einem Ort im Süden und nahe der afghanischen Grenze. Neben dem Laparoskopietraining wurde in diesem Workshop auch ein Nähkurs angeboten sowie viel Basiswissen theoretisch und praktisch trainiert.

Einsatzorte und Projekte:

  • Khorog (P. Sandera, A. Rotzer und Team)
    Am Einsatz im Spital im Pamir nahmen im Mai und September neben Chirurgen, Anästhesisten und OP-Pflegepersonal auch eine Urologin, ein Radiologe und ein Techniker teil. Nach Eröffnung des neuen Aga Khan Medical Centers (AKMC) sind die beiden erfahrensten Chirurgen dorthin abgewandert. Bei einigen Chirurgen konnten aber Verbesserungen festgestellt werden. Eingriffe wie Operationen an den Venen, Schilddrüsenoperationen und laparoskopische Gallenblasenoperationen können problemlos selbständig durchgeführt werden. Nach wie vor bestehen aber gravierende Defizite in der Organisation, der interdisziplinären Zusammenarbeit aber auch in den medizinischen Prozessen. Ebenfalls muss die Zusammenarbeit zwischen dem Khorog General Hospital und dem AKMC besser geregelt werden.
  • Qabodiyon (G. Liesch, S. Mayer und Team)
    Im Spital in Qabodiyon fand im April der 1. Workshop statt, an welchem drei Chirurgen, zwei Anästhesist*innen und eine OP-Fachfrau und zwei Medizin-Techniker von den SST teilnahmen. Neben dem Laparoskopietraining wurden Fortbildungen zu den häufigsten Operationen, zu Hygiene, Antibiotika- und Flüssigkeitstherapie und anästhesiologischen Grundlagen ua. angeboten. Total nahmen 16 Chirurgen, 10 Anästhesisten und Fachmänner Anästhesie und 10 Operationsfachfrauen und –männer am zweiwöchigen Training teil.
  • Republican Oncological Center Dushanbe
    • Gynäkologie (E. Wight): Es fand ein Einsatz im Herbst statt, bei welchem vor allem Schulungen der Diagnostik, Indikationsstellung und Therapie des Mammacarcinoms durchgeführt wurden. Zusammen mit der Viszeralchirurgie wurde erneut ein Tumorboard durchgeführt. Für die dauernde Implementierung dieses Tumorboards wurde ein Vorschlag eines Organigramms für die Verantwortlichen des Spitals und für den Gesundheitsminister abgegeben.
    • Viszeralchirurgie (J. Wydler und Team): Beim Einsatz im Herbst lag der Schwerpunkt auf der Überzeugung der Schlüsselpersonen bezüglich der Wichtigkeit des Tumorboards. Nach vielen Diskussionen konnten beim zweiten Board einige Verbesserungen umgesetzt werden. Erneut wurde am National Cancer Congress ein Referat zu „Modern Therapy of Colorectal Cancer“ gehalten. Ein Problem bleibt die niedrige Anzahl von Primärfällen in der Colorectal-Chirurgie sowie die Abwanderung von bisherigen Colorectal-Chirurgen.
    • Thoraxchirurgie (R. Schmid und Team): Aufgrund einer Erkrankung konnte dieses Team im Jahr 2019 keinen Einsatz durchführen.
  • Republican Medical Center Karabolo
    • Interventionelle Schmerztherapie (Th. Böhlen):
      In bisher vier Einsätzen wurden verschiedene Verfahren der interventionellen Schmerztherapie instruiert. Die von uns ausgebildete Ärztin konnte nach der Geburt wieder mitarbeiten. Die Behandlungen finden jetzt im OP-Bereich der Neurochirurgie im Karabolo-Spital statt, von welchen neu ebenfalls ein Arzt ausgebildet wird.
    • Kinderchirurgie (A. Dietl, D. Aronson, M. Horst, J. Elfgen, B. Fritschi und Team): Die Einsätze sind immer sehr gut vorbereitet. Das Team schickt jeweils einen ausführlichen Brief an Prof. Sultonov, in welchem die Schwerpunkte des nächsten Einsatzes ausgeführt werden. Diese beinhalten zum Beispiel die strukturierte Patientenvorstellung, die Erstellung eines verbindlichen OP-Programms und Falldiskussionen. Die Zusammenarbeit entwickelt sich nach der jahrelangen Zusammenarbeit immer noch weiter, aber es bleiben nach wie vor sehr viele Themen, an welchen weiterhin kontinuierlich gearbeitet werden muss. Problematisch ist nach wie vor, dass die Anästhesie nicht zweimal jährlich unterstützt werden kann und dass bisher niemand gewonnen werden kann, um Verbesserungen in der postoperativen Phase umzusetzen.
    • Neurochirurgie (A. Lukes, T. Menovsky und Team): Der erstmalige Einsatz wurde zur Evaluation einer allfälligen weiteren Kooperation durchgeführt. Die Bereitschaft von beiden Seiten scheint sehr gross und dieses Projekt wird vorerst weitergeführt. Augenfällig wurde das Problem der Anästhesie am Karabolo. Die Anästhesieärzte rotieren in mehrmonatigen Zyklen auf dieser Abteilung, so dass Teaching von einzelnen Anästhesisten praktisch keinen Sinn macht. Das wäre aber dringend nötig, da wesentliche Probleme beim Einsatz von Sauerstoff und beim Monitoring bestehen.
  • Stand des Tajikistan-Projektes
    • Die Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsministerium und den einzelnen Spitälern und Abteilungen ist nach wie vor sehr gut. Wir werden überall unterstützt und die Motivation scheint überwiegend vorhanden zu sein. Es sind auch überall kleinere oder grössere Verbesserungen zu beobachten.
    • Der Vertrag mit dem Gesundheitsministerium läuft im Jahr 2021 aus. Es gibt viele Punkte, bei welchen die Fortschritte von der tajikischen Seite aus unserer Sicht ungenügend sind. Wir haben gegenüber dem Gesundheitsminister bereits einige Punkte angesprochen, von welchen wir eine Verlängerung des Vertrages abhängig machen werden bzw. bei welchen wir nun eine sichtbare Verbesserung erwarten.
    • In allen Projekten gibt es nach wie vor ein grosses Verbesserungspotential. Die wirtschaftliche Situation des Landes aber auch der einzelnen Akteure werden aber auch in Zukunft eine wesentliche Rolle spielen, welche die SST nicht oder nur sehr bedingt beeinflussen können.

Einmal mehr ist zu erwähnen, dass der Haupterfolgsfaktor dieses Projektes im grossen persönlichen Engagement unserer Mitglieder liegt. Im Namen der Projektleitung und des Geschäftsleitung der SST möchte ich mich an dieser Stellen nochmals ganz herzlich bei allen Beteiligten dafür bedanken.

Jürg Bärtschi, Projektleiter Tajikistan, 20.02.2020

 

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