Einsatzbericht Tadschikistan 2015

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Georg Liesch, 23.04.2015
Jürg Bärtschi, 2.5.2015

Tadschikistan war bis 1991 eine sowjetische Republik, ehe es 1991 die Unabhängigkeit erlangte und anschliessend in einem Bürgerkrieg (1991-1997) versank.  Dieser Krieg zwischen verschiedenen Gruppen wurde mit dem Friedensvertrag von 1997 beendet. Der 1994 gewählte Präsident Emomali Rhamon ist bis heute im Amt.

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Das Land zählt aktuell ca. 8.5 Millionen Einwohner, wovon 85% Tadschiken, 12% Usbeken und Kirgisen, 1% Russen, 1% Tataren und 1% andere Staatsangehörige sind. Die Tadschiken sind zu über 90% Anhänger des Islam, vorwiegend der sunnitischen Richtung. Lediglich im Osten des Landes gibt es einige Anhänger des schiitischen Islam, vor allem Ismailiten.

Die primäre Amtssprache ist das Tajik, das teilweise auch als Dialekt der persischen Sprache klassifiziert wird. Im Unterschied zum Iran und Afghanistan wird Tajik in kyrillischer Schrift statt des persischen Alphabets geschrieben. Russisch ist eine wichtige Umgangssprache und erhielt 2011 wieder eine offizielle Stellung.

Das Bruttoinlandprodukt von Tadschikistan beträgt 8.5 Milliarden USD bei einem Pro Kopf-Anteil des Bruttoinlandproduktes von 1050 USD (Schweiz: 685 Mia. USD, 86´000 USD). Somit zählt Tadschikistan zu den ärmsten 30 Ländern der Welt. 60% der Bevölkerung leben von 2 USD pro Tag.

Die Geldsendungen in die Heimat der über 2 Millionen vor allem nach Russland Ausgewanderten machen ca. 50% des Bruttosozialproduktes aus. Durch die aktuelle Wirtschaftskrise in Russland sind diese Geldüberweisungen seit Jahresbeginn um über 40% zurückgegangen. Es ist davon auszugehen, dass im Falle einer grösseren Rückwanderungswelle soziale Spannungen  entstehen würden, da bereits heute die Arbeitslosigkeit offensichtlich hoch ist.

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Nur gerade 7% Prozent der Fläche des Landes sind für die Landwirtschaft geeignet und dennoch arbeitet der überwiegende Teil der Bevölkerung (ca. 70%) hier. In der  Landwirtschaft dominiert die Baumwolle, ausserdem werden Obst (Aprikosen, Weintrauben, Äpfel), Gemüse, Nüsse und Getreide angebaut. Die Nahrungsmittelproduktion deckt aber bei Getreide nicht den Eigenbedarf und daher ist das Land ein regelmässiger Empfänger von Nahrungsmittelhilfen des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen sowie diverser bilateraler Geber.

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In Tadschikistan herrscht ein extrem kontinentales Klima mit kalten Wintern (bis -40°C) und heissen Sommern (bis +40°C). Tadschikistan ist ein Hochgebirgsland und grenzt an Usbekistan, Kirgisistan, die Volksrepublik China und Afghanistan. Ca. 2/3 der Fläche sind Hochgebirge. Fast die Hälfte des Gebietes liegt auf 3000 m.ü.M. und höher.  Aufgrund dieser schwierigen Topografie sind im Winter und in ländlichen Regionen viele Gegenden nur schwierig erreichbar.

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Die öffentlichen Ausgaben für das Gesundheitssystem betragen nur 1.7% des BIP (CH 7.4%). Zusammen mit dem fehlenden Krankenversicherungssystem und extrem niedrigen Löhnen führt dies zu einer mangelhaften Grundversorgung für die gesamte Bevölkerung. Nach dem Kollaps der Sowjetunion und dem darauf folgenden Bürgerkrieg haben Hunderttausende, meist gut ausgebildete Russen und Tadschiiken das Land verlassen. Das führte zu einem Braindrain in unvorstellbaren Dimensionen. In gewissen Spitälern ist offenbar die gesamte Ärzteschaft fast gleichzeitig ausgewandert. Zusätzlich zum teilweise mangelhaften Knowhow bestehen auch grosse Defizite bei der Infrastruktur und bei der Verfügbarkeit von Verbrauchsmaterial. Die Gerätschaften sind teilweise stark überaltert, kaum gewartet und häufig fehlen Ersatzteile. Da Medikamente und Untersuchungen von den Patienten selber bezahlt werden müssen, besteht auch hier ein grösseres Problem.

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Im März 2014 wurden durch den SST-Vorstand im Rahmen einer Evaluationsreise zwei Spitäler als Einsatzorte für die ersten SST-Einsätze ausgewählt: Zum einen das Emergency Hospital in Dushanbe und zum andern das District Hospital in Khorog im Südosten Tadschikistans.

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Die erste Mission 2015 in Tadschikistan dauerte 2 Wochen (Team Dushanbe) bzw. 3 Wochen (Team Khorog) um die Osterzeit 2015. In beiden Swiss Surgical Teams fielen sofort die minimalen hygienischen Standards, das mangelhafte Wissen im Bereich von Hygiene und Sterilität, die extrem geringen medizinischen Ressourcen in allen Bereichen (fehlender Sauerstoff, fehlende Monitore, fehlendes Fadenmaterial, fehlendes Desinfektionsmittel etc.), der eingeschränkte Zugang zu aktuellem medizinischem Wissen/Literatur und die zum Teil noch aus der sowjetischen Zeit stammenden Anästhesieverfahren beziehungsweise chirurgischen Operations-techniken auf. Die teilweise sehr hierarchischen Aufbauorganisation in den Spitälern erschwerten den fachlichen Zugang, obschon die Tadschiken sich mehrheitlich sehr offen und  interessiert verhielten. Aufgrund der komplexen Struktur waren die Einsatzmöglichkeiten im Republican Emergency Hospital in Dushanbe eingeschränkt. In den anderen Spitälern taten sich dann aber rasch weitere bearbeitbare Felder auf, wie die Schilddrüsenchirurgie im First City Hospital, die Onkochirurgie und die palliative Therapie bzw. Schmerztherapie im Republican Oncological Center von Dushanbe, die Herzchirurgie im Republican Cardiac Center von Dushabe oder die Thoraxchirurgie im Republican Tuberculosis Center in Machiton.

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Zusammen mit den Vertretern des Gesundheitsministeriums konnte auch das erst vor einem Jahr eröffnete und topmodern ausgerüstete Spital von Dangara besucht werden, welches aus Sicht des Gesundheitsministeriums als Referenzspital der Peripherie etabliert werden soll. Allerdings können viele der neuen Gerätschaften aufgrund von Wissensdefiziten der vor Ort tätigen Belegschaft nicht ausgenutzt werden. Aus dieser Optik eignet sich dieses Spital optimal für Schulungen der tadschikischen Ärzte durch die SST. So könnten dort die laparoskopische Cholezystektomie und Appendektomie durch SST-Chirurgen, als auch die entsprechende Anästhesie durch SST-Anästhesisten demonstriert und geschult werden. Im gleichen Zuge könnte auch die Schulung der OP-Pflege durch SST-Pflegefach-Spezialisten erfolgen.

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Die Vorbereitung des Einsatzes sowie die Organisation und Betreuung vor Ort durch die Verantwortlichen des Koordinationsbüros des DEZA (Country Director Peter Mikula und Health National Programme Officer Dr. med. Mouazamma Djamalova) war hervorragend und trug wesentlich zum Gelingen des ersten Einsatzes der SST bei.

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Durch die Vermittlung des DEZA konnten im Weiteren sehr gute Kontakte ins Gesundheitsministerium aufgebaut werden. Das SST-Team wurde bei den meisten Besuchen der Spitäler und Institutionen durch Dr. med. Ghafur Khodjamurodov (Head of state agency for supervision of medical services) und Frau Dr. med. Dilorom Sadykova (Advisor to the minister of health) begleitet. Die Beobachtungen und Ergebnisse dieser Besuche und der Einsätze in Khorog konnten direkt und in offener Atmosphäre diskutiert werden. Zum Abschluss des Einsatzes in Dushanbe erfolgte auch ein sehr konstruktives Gespräch zwischen Prof. Dr. med. Ralph Schmid und dem Gesundheitsminister Nusratullo Salimov.

Das Team in Khorog wurde durch Frau Dr. med. Rudoba Rahim, Senior Project Officer der Aga Khan Foundation, begleitet und unterstützt. Sie hat in verdankenswerter Weise viele organisatorische Angelegenheiten geklärt und somit entscheidend zum Gelingen beigetragen. Auf eigenen Wunsch möchte sie sich längerfristig für das Projekt engagieren, weshalb sie als Mitglied in die SST aufgenommen werden soll. Ebenfalls soll an dieser Stelle die Zusammenarbeit mit der AGA-Khan-Stiftung erwähnt werden. Die Organisation für das Team in  Khorog war sehr gut und alle Transporte konnten ohne grössere Probleme durchgeführt werden.

Zusammen mit den Verantwortlichen des Gesundheitsministeriums wurden die weiteren Ziele und Teilprojekte zum Abschluss diskutiert:

Die Ziele:

  • Nachhaltige Verbesserung der medizinischen Standards
  • Ein den vorhandenen Ressourcen entsprechendes regelmässiges (mind. halbjährliches) Teaching durch die SST
  • Die Implementierung von "minimal standards" in den von uns abgedeckten Gebieten der Chirurgie, Anästhesie und Hygiene
  • Die Weiterbildung von Stipendiaten in der Schweiz (das Gesundheitsministerium ist für die Endauswahl und die persönliche längerfristige Verpflichtung besorgt)

Die weiteren Projekte:

Diese sind auf der Projektliste für die Einsätze detailliert aufgeführt.

SST-Missionsleitung Tadschikistan 2015:

Dr. med. Jürg Bärtschi, Anästhesist und SST-Vizepräsident

Team Dushanbe:
Prof. Dr. med. Ralph Schmid, Thoraxchirurg und Präsident JAS
Dr. med. Georg Wille, Chirurg
Dr. med. Georg Liesch, Chirurg
Dr. med. Thomas Müller, Anästhesist
Frau Brigitte Fritschi, Fachfrau OP

Team Khorog:
Dr. med. Peter Sandera, Chirurg
Dr. med. Stefan Gutknecht, Chirurg
Dr. med. M. Linecker, Chirurg SGC
Dr. med. Anita Boltres, Anästhesistin
Sebastian Reich, Fachmann OP

 

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